Nachlese zur Galgenpoesie - Vorreden und Anmerkungen zu den Galgenliedern
Zu den Vorreden
Morgenstern hat schon früh versucht, seine Galgenlieder zu deuten. Zur Zeit des Galgenbunds, als erst etwa ein Dutzend Lieder vorlagen, entstand der Galgenberg-Katechismus. Auf die Frage, was der Galgenberg sei, antwortet er ironisch mit „Verdunklung“.
Zwischen 1895 und 1909 schrieb Morgenstern insgesamt 18 Vorreden und Vorredenfragmente zu seinen humoristischen Gedichten. Nur vier davon erschienen zu seinen Lebzeiten. Die übrigen blieben im Nachlass oder wurden von Margareta Morgenstern in den posthumen Ausgaben veröffentlicht. Die folgende Übersicht ordnet die Texte nach ihrer vermutlichen Entstehung.
- Galgenberg-Katechismus, wahrscheinlich vor Ende 1895
- Drei Vorreden (Einleitung zu dem Lustigen Buch), 1896
- Galgenberg (Blödem Volke unverständlich ...), nach Michael Bauer 1897
- Die Geschichte (Es waren einmal acht lustige Könige ...), vor Ende März 1903, vielleicht Winter 1898/99
- Galgenberg (Der kleine Verein stand ..., dreizeiliges Fragment), vor Ende März 1903, vielleicht Winter 1898/99
- Aus einer Vorrede (Die wir dieses Buch dem Handel ...), vor Ende März 1903
- Wo Geist und Torheit, vor Ende März 1903, vermutlich aus derselben Zeit wie Nr. 6
- Ich widme diese Verse, 1904, vielleicht Herbst 1904
- Wir leben nicht mehr in der Zeit des Verfalls, vermutlich Herbst 1904
- Versuch einer Einleitung (Jeremias Müller), Vorwort zur 1. und 2. Auflage der Galgenlieder, vermutlich Herbst 1904
- Betrachten wir den "Galgenberg" (Fragmente), wahrscheinlich wie Nr. 10 Herbst 1904
- Eine Kritikervorlage als Vorwort (Wir sehen hier den unglücklichen Dichter ...), Anfang 1906
- Es galt - ach nein, es galt gar nichts (Fragment), Ende 1907 oder Anfang 1908
- Zur dritten beziehungsweise ersten Auflage (Gundula Mueller), Vorwort zur 3. Auflage der Galgenlieder, Ende 1907 oder Anfang 1908
- Ich habe Lust ..., August 1908
- Vorwort zur IV. Auflage des Gingganz (Nachdem nun drei Jahre lang ...), vermutlich Oktober 1908
- Zur ersten und dritten beziehungsweise vierten Auflage (Gundula Mueller), Vorwort zur 4. Auflage der Galgenlieder, vermutlich Ende 1908 oder Anfang 1909
- Ein Brief als Einleitung (Immanuel Eisenspahn an den sehr geehrten Herrn Morgenstern ...). Nach Michael Bauer sollte dieser Brief die Vorreden des Ehepaars Müller ablösen. Er ist also nach Nr. 17 entstanden.
Die Drei Vorreden (Nr. 2) gehören nur bedingt in diese Reihe. Sie sollten ursprünglich Das lustige Buch einleiten, eine gemischte Sammlung, in die Morgenstern neben Galgenliedern auch Parodien und Aphorismen aufnehmen wollte. Die Datierungen von Nr. 3 und Nr. 18 stützen sich allein auf Michael Bauer und bleiben deshalb unsicher. Das Gedicht Galgenberg (Nr. 3) stand in keiner der Galgenlieder-Auflagen zwischen 1905 und 1914.
Friedrich Schlegel schrieb in einem seiner Lyceums-Fragmente: "Eine gute Vorrede muß zugleich die Wurzel und das Quadrat ihres Buchs sein". Damit ist Morgensterns Schwierigkeit beschrieben. Die Galgenlieder treiben den Unsinn bereits in die zweite Potenz. Eine Vorrede, die das noch einmal steigern will, muss eine Selbstparodie parodieren und läuft Gefahr, jede Form zu verlieren.
Morgenstern hat dafür viele Wege ausprobiert. Teils sprach er selbst, teils ließ er die erfundenen Gelehrten Dr. Jeremias Müller und dessen Frau Gundula zu Wort kommen. Manche Texte sind lyrisch (Nr. 1, 3, 7) oder altertümelnd (Nr. 2), andere burlesk-historisch (Nr. 4, 5), pseudowissenschaftlich (Nr. 6) oder pseudophilosophisch (Nr. 10, 11, 14, 16). Nr. 8 ist ernst gemeint, Nr. 9 und 17 halb im Scherz, und in Nr. 12 verspottet der Dichter sich selbst.
Ganz zufrieden war Morgenstern mit keinem dieser Versuche, auch nicht mit den gedruckten. Das zeigt die Geschichte des Versuchs einer Einleitung (Nr. 10), den Jeremias Müller unterzeichnet. Er stand in der 1. und 2. Auflage der Galgenlieder (1905 und 1906). Vor der 3. Auflage schrieb Morgenstern am 18. Februar 1908 an seinen Verleger Bruno Cassirer, er sei bereit, ganz auf eine Vorrede zu verzichten. Den Anfang der alten Vorrede hielt er für misslungen, den größten Teil davon hatte er aber in eine neue Fassung übernommen. Diese neue Vorrede, angeblich von Gundula Mueller verfasst (Nr. 14), ersetzte in der 3. Auflage den Text ihres Mannes.
Schon am 7. November 1908 stellte Morgenstern dem Verleger frei, für die 4. Auflage wieder die erste Fassung zu nehmen, weil manche Leser sie der neuen vorzogen. Cassirer ging darauf nicht ein. Am 7. November 1909 wiederholte Morgenstern seine Bitte für die 5. Auflage. Seit dieser Auflage (1910) steht der Versuch einer Einleitung wieder am Anfang der Galgenlieder und blieb dort in allen weiteren Auflagen.
Zu den Anmerkungen
Morgenstern notierte 1908 in sein Tagebuch: Mich selber hab ich stets als 2 gefaßt. ( T 1908-III, Bl. 33). Aus dieser Doppelnatur des Humoristen erklärt sich wohl seine Neigung, sich selbst zu kritisieren und zu parodieren. Manchmal stellt er seine eigene literarische Arbeit dar, etwa im Palmström-Gedicht Eines Tages pocht, vielleicht auch, um der Kritik anderer zuvorzukommen. Öfter schafft er mit Vorreden und Anmerkungen ironische und groteske Zerrspiegel, in denen die Galgenlieder verbogen erscheinen.
Anmerkungen zum Mondschaf hatte Morgenstern schon vor März 1902 geschrieben. Erst gegen Ende 1907 kam er auf den Gedanken, alle oder fast alle Galgenlieder systematisch mit einem grotesken Anhang zu versehen. Der Brief, in dem er Bruno Cassirer diesen Plan vorstellte, ist verloren. Zum ersten Mal erwähnt er die Anmerkungen in einem undatierten Brief, vermutlich vom Dezember 1907. Kurz darauf schickte er dem Verleger eine Probe und schlug ein eigenes kleines Heft vor, schlicht ausgestattet, im Format der Galgenlieder und für 50 Pfennig. Es sollte Anmerkungen zu den Galgenliedern von Jeremias und Erica Mueller heißen. Die spätere Gundula hieß damals also noch Erica. Morgenstern wollte darin Gedicht für Gedicht als pedantische Gelehrtenparodie kommentieren, nach dem Vorbild Heinrich Düntzers, der für seine kleinlichen Goethe-Kommentare bekannt war. Als eigenes Heft hätten die Anmerkungen niemanden gestört, und Morgenstern hätte nichts von dem Spaß streichen müssen.
Im Januar 1908 nahm der Plan weiter Gestalt an. Am 23. Januar schlug Morgenstern vor, die alte Einleitung zu den Galgenliedern ohne ihren ersten Absatz den Anmerkungen anzuschließen. Im selben Brief bat er Cassirer dringend, den zweiten Bogen anzunehmen und ihm nicht wieder die Freude an der Arbeit zu verderben. Am nächsten Tag schickte er den Bogen, ohne die Antwort abzuwarten. Am 25. Januar begründete er ausführlich, warum die Anmerkungen das Buch verbesserten. Die Prosa gebe dem Ganzen einen Ruhepunkt. Ein befreundeter Architekt und Maler habe an den Versen viel mehr Vergnügen gehabt, als Morgenstern sie ihm Stück für Stück erläuterte. Die meisten Leser hielten die Gedichte für anmutig vorgetragenen Stumpfsinn, dabei steckten sie voller Beziehungen. Wo er die echten verbergen wolle, könne er scheinbare hervorholen.
Cassirer antwortete am 28. Januar 1908 ablehnend. Er hielt es für einen Kunstfehler, auch nur einen I-Punkt zu viel zu geben, wollte aber abwarten. Damit traf er die Schwäche des Vorhabens. Zu viele Deutungen, ob scherzhaft oder scheinbar tiefsinnig, hätten die Wirkung der Gedichte gefährden können. Morgenstern erwartete von den Anmerkungen dasselbe wie von den Vorreden, nämlich eine weitere Steigerung ins Absurde. Je grotesker ein Galgenlied aber schon war, desto schwerer konnte er es noch übertreffen.
Danach ist in der erhaltenen Korrespondenz zunächst nicht mehr von den Anmerkungen die Rede. Am 1. Februar 1908 schrieb Morgenstern versöhnlich an Cassirers Mitarbeiter Enno Quehl, man solle die Streitfragen ruhen lassen und das Übrige rasch und friedlich erledigen. Gemeint war wohl die 3. Auflage der Galgenlieder, die gerade entstand. Dass Cassirer das Projekt beendet hat, bestätigt ein Brief an Friedrich Kayssler vom 13. April 1908. Darin schreibt Morgenstern, die Anmerkungen hätten hinten beigegeben werden sollen, Cassirer habe es aber nicht gewollt.
Die meisten Anmerkungen sind vermutlich im Dezember 1907 oder Januar 1908 entstanden.
Nach dem Kommentar von Maurice Cureau in Band III der Stuttgarter Ausgabe.