Heimatlos?
Die Nacht ist gar so still. Ich fürchte mich.
Ein Grauen packt mich. Meter tief
die Lande rings, da Menschen wohnen. Niemand,
der meine Stimme hört, und nirgend Laut
5noch Licht für meine aufgeregten Sinne
zu greifen. Nichts um mich, als was aus Dunst
und Glanz mir eigne Phantasie im Reich
urewiger Firnen aus dem Nichts gezaubert.
Nicht einmal das mehr! Fortgeweht
10der Nebel Faltenwurf; erloschen, stumm
das Firmament. Ein schwarzes Meer des Nichts
umlastend mich, erstickend, lähmend, tötend.
Und all mein Menschliches wird klein und greift
in einem Schrei, als wie mit tausend Armen,
15rings in die Finsternis hinaus, als müßt' es
sie würgen und aus ihrem Krallengriff
die Sonnen reißen, sein phantastisch Heim
zurückerobern und mit ihm die Heimat -
die einzige, die mir auf weitem Ball.
20Und "Heimat!" bricht von meinem Mund und "Heimat!"
versinkt's ersterbend in die Nacht umher.
Wo ist mir Heimat! Wenn nicht auf der Scholle,
die sich mein Geist gebiert. Wo ist mir Heimat!
Wenn nicht im Himmel, wo, an Jovis Knie
25gelehnt, mein Haupt von ew'gen Weisen träumt.
Die Flügel meiner Sohlen haften fest,
und niemand bindet mir die Riemen los,
daß rastend ich den eignen Herd mir baute.
Wer sollt' es auch! Und nähm' er nicht vielleicht
30mit meiner Unrast mir mein drängend Feuer,
den Himmels-Hang, die Lust nach Fern' und Höhe?
Und doch! Von Erde bin ich und nach Erde späh' ich,
von Menschen bin ich und nach Menschen dürst' ich.
Die Nacht ist gar so still. Ich fürchte mich.
35Verlassen bin ich, - ich verließ mich selbst...
Und "Heimat!" bricht von meinen Lippen, "Heimat!"
versinkt's ersterbend in die Nacht umher.
Doch horch! Mir ist, als kommt der Schall zurück
und noch ein andrer Hall mit ihm, als sei
40die Wand geborsten, die zurück ihn warf...?
Sie ist's! Die Düsternis zerreißt. Der Mond!
Durch dunkle Wolkenbrandung schießt er hin,
ein pfeilgeschwindes Schiff mit goldnem Bug.
Wie eine Königsjacht so siegesstolz
45durchschneidet er der Lüfte schwarze See,
und eifrig wirft von seinen Borden rings
die Mannschaft Senkblei in die stummen Tiefen.
An ungezählten Silberfäden fällt
es nieder auf Gebirg und Tal und Ebne.
50Geblendet steh' ich. Aber schnell gewöhnt,
erkennt mein Auge zwischen all dem Silber
vereinzelt Gold. Und unbewußt verfolgt es
der goldnen Schnüre eine nach dem Tal.
Doch träum' ich? Deutlich liegt ein Haus vor mir.
55Und durch ein Fenster hängt der Strahl hinein,
bis still auf einem Menschenhaupt er ruht.
O teures Freundeshaupt! Geliebtes Herz!
Den Atem halt' ich an. Spricht der Schlafende?
Er flüstert meinen Namen... "Jugendfreund!
60Du denkst an mich?" Ich beug' mich über ihn.
da schnellt die goldne Schnur empor. Ich stehe
auf steilem Grat und - leere Luft um mich.
Und andern Fäden folgt mein Auge. Alle
geleiten mich zu schlummernden Gestalten,
65und jede flüstert liebreich meinen Namen.
Vor Mädchen, Frauen und Matronen tret' ich,
vor Kinder, Jünglinge, vor Männer, Greise,
und alle flüstern liebreich meinen Namen.
— — — — — — — — — — — — — — — —
Das Fahrzeug "Luna" schwindet fern und ferner.
70Man zog wohl längst die Fäden schon an Bord.
Ich aber geh' in Phantas Schloß zur Ruhe,
und als sie mir zum Schlaf die Stirne küßt
und frägt: Nun, weißt du jetzt, wo deine Heimat?
Da sag' ich leis: "Vorerst bei dir allewig."
75Und dann? Und dann: "Im Herzen meiner Freunde."
| Werkgruppe | Lyrik |
| Werkbereich | Nachlese zu In Phantas Schloß |
| Zyklus | – |
| Zyklusnummer | – |
| Titel | Heimatlos? |
| Textanfang | Die Nacht ist gar so still |
| Zitiert aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 68, 69, 70 |
| Kommentar aus | SA Band I Lyrik 1887-1905, S. 780, 781 |
| Überlieferung | T 1894-I, Bl. 48f. |
| Datierung | vermutlich August 1894 |
| Druck | SA Band I Lyrik 1887-1905 |
| Gemeinfrei | ja |
| Volltexterfassung | siehe Unterseite |
| ID | LYR-SA-01-02-0006 |