T-1887-90/1: Unterschied zwischen den Versionen
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Datei:H002_0006.jpg| Blatt1, Teil 1 | |||
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=== Blatt 1, Teil 1 === | |||
Dreimal verlor und -ein scharf^r-W-ad-b-li-ss-. | |||
Heute hat Mama einen kleinen Thee aber nicht dansant sondern chantant. Erl. Helschner ist nämlich mit Mutter hier, welche auf dem Klavier begleitet, und sie musiziren alle drei recht hübsch.- | |||
Ich bin froh, daß mein Vater kein Kaufmann ist und mir ein Geschäft vererbt, denn dann würde ich einen vorzüglichen Kaufmann abgeben nicht ironisch, sondern in allem Ernst - und das wäre mir gar nicht recht. Denn zu einem Zahlenmenschen habe ich mehr Begabung als Dust und ich würde es als ein verfehltes Leben ansehen, wenn ich ideale und poetische Seele einem solch’ prosaischen Beruf verfallen würde. Aber sparen kann ich dennoch und mein Geld zusammeneu= halten und das nimmt mich sehr wunder. Denn der gute Vater kann es nicht und die liebe Mutter faßt es meiner Ansicht nach ganz verkehrt an. Ich will einmal in gedrängter Übersicht eine kleine Probe eines Sparsystem's geben, wie es meiner Meinung nach überhaupt nur Sparsystem genannt werden darf. | |||
Man hat pro Monat ein Ausgabe fixum von 150 Μ. Mit diesem muß man in jeder Lage auskommen. Man hat bisher jeden Abend 1 Flasche Bier (a 15 Pfennig) getrunken und dazu für 80 aJ. Schinken. Sonntags geht man meistens in den zoologischen Garten (Entre! ^vH .), man rauchte 3 Zigarren (ä 15^»), man aß öfters sehr | |||
=== Blatt 1, Teil 2 === | |||
gut und reichlich zu Mittag und erlaubte sich verschiedenartige Genüsse natürlich nur - Kleinigkeiten, die ja gar nicht in Betracht kommen. Nun will man sparen. Man zieht in eine Wohnung, die 200 Μ billiger ist wie die erste, man zwackt sich alles erdenkli= ehe ab, man geht an der Weinstube vorbei und an den Austern= buden und glaubt riesig zu sparen. Aber es ist Ende des Monats -die Kasse ist fast leer, es hat gerade wieder gereicht aber von einem Überschuß - keine Rede Man staunt, man ärgert | |||
sich, andre Leute stehen sich ganz gut bei weniger Geldeinnahmen, die geben sogar noch Gesellschaften, gehen in Theater und Concert ... so hadert man, aber der wirkliche Grund wird nie gefunden. -Nun kommt mein Sparsystem! Man versagt sich Abends die Flasche | |||
Bier, wenn man will kann man es, das gibt pro Monat 30.15 ^ =4,50 | |||
Statt 80^. Schinken ißt man nur für 50λ^. Das reicht vollkomen! 30.30 = 9,00 | |||
Man geht Sonntags nicht in den zoologischen Garten, wozu denn? 4.50 = 2,00 | |||
Man raucht nur 2 Zigarren statt 3 und fühlt sich dabei viel wohler 30.15 = 4,50 | |||
Endlich kocht man einige mal weniger luxuriös, man ißt z.B, statt Filetbraten der 6 bis 7 Μ. kostet, Rindsbraten, der nur 3 Μ kostet und macht dies öfters so, dann sind noch einige Kleinigkeiten, die unnötig sind i. Ganzen ca. 25,00 So daß man sieh mit verschiednem andern ungefähr die Summe von 50 Μ erhält. | |||
Version vom 17. August 2026, 17:18 Uhr
Referenz
- Tagebuch (Hauptseite): T-1887-90
- Blatt: 1
Überlieferung
- Original: Deutsches Literaturarchiv Marbach (DLA)
- Transkript: Christian-Morgenstern-Literaturmuseum
Gallerie
-
Blatt1, Teil 1
-
Blatt1, Teil 2
Text
nicht korrigiert
Blatt 1, Teil 1
Dreimal verlor und -ein scharf^r-W-ad-b-li-ss-.
Heute hat Mama einen kleinen Thee aber nicht dansant sondern chantant. Erl. Helschner ist nämlich mit Mutter hier, welche auf dem Klavier begleitet, und sie musiziren alle drei recht hübsch.-
Ich bin froh, daß mein Vater kein Kaufmann ist und mir ein Geschäft vererbt, denn dann würde ich einen vorzüglichen Kaufmann abgeben nicht ironisch, sondern in allem Ernst - und das wäre mir gar nicht recht. Denn zu einem Zahlenmenschen habe ich mehr Begabung als Dust und ich würde es als ein verfehltes Leben ansehen, wenn ich ideale und poetische Seele einem solch’ prosaischen Beruf verfallen würde. Aber sparen kann ich dennoch und mein Geld zusammeneu= halten und das nimmt mich sehr wunder. Denn der gute Vater kann es nicht und die liebe Mutter faßt es meiner Ansicht nach ganz verkehrt an. Ich will einmal in gedrängter Übersicht eine kleine Probe eines Sparsystem's geben, wie es meiner Meinung nach überhaupt nur Sparsystem genannt werden darf.
Man hat pro Monat ein Ausgabe fixum von 150 Μ. Mit diesem muß man in jeder Lage auskommen. Man hat bisher jeden Abend 1 Flasche Bier (a 15 Pfennig) getrunken und dazu für 80 aJ. Schinken. Sonntags geht man meistens in den zoologischen Garten (Entre! ^vH .), man rauchte 3 Zigarren (ä 15^»), man aß öfters sehr
Blatt 1, Teil 2
gut und reichlich zu Mittag und erlaubte sich verschiedenartige Genüsse natürlich nur - Kleinigkeiten, die ja gar nicht in Betracht kommen. Nun will man sparen. Man zieht in eine Wohnung, die 200 Μ billiger ist wie die erste, man zwackt sich alles erdenkli= ehe ab, man geht an der Weinstube vorbei und an den Austern= buden und glaubt riesig zu sparen. Aber es ist Ende des Monats -die Kasse ist fast leer, es hat gerade wieder gereicht aber von einem Überschuß - keine Rede Man staunt, man ärgert sich, andre Leute stehen sich ganz gut bei weniger Geldeinnahmen, die geben sogar noch Gesellschaften, gehen in Theater und Concert ... so hadert man, aber der wirkliche Grund wird nie gefunden. -Nun kommt mein Sparsystem! Man versagt sich Abends die Flasche
Bier, wenn man will kann man es, das gibt pro Monat 30.15 ^ =4,50
Statt 80^. Schinken ißt man nur für 50λ^. Das reicht vollkomen! 30.30 = 9,00
Man geht Sonntags nicht in den zoologischen Garten, wozu denn? 4.50 = 2,00
Man raucht nur 2 Zigarren statt 3 und fühlt sich dabei viel wohler 30.15 = 4,50
Endlich kocht man einige mal weniger luxuriös, man ißt z.B, statt Filetbraten der 6 bis 7 Μ. kostet, Rindsbraten, der nur 3 Μ kostet und macht dies öfters so, dann sind noch einige Kleinigkeiten, die unnötig sind i. Ganzen ca. 25,00 So daß man sieh mit verschiednem andern ungefähr die Summe von 50 Μ erhält.